Donnerstag, 16. April 2020, 16:00 - 19:45 iCal

Umwandlungen in der bulgarischen Literaturgeschichte

Die Umwandlungen in der bulgarischen Literaturgeschichte und die Stabilität des Kanons

Seminarraum 1, Institut für Slawistik, Campus
Spitalgasse 2-4/Hof 3, 1090 Wien

Buchpräsentation, Lesung


Nach 1989 sind mächtige Umwandlungen in der Geschichtsschreibung der bulgarischen Literatur angetreten. Zuerst änderte sich selbst die deskriptive Sprache – sie tritt aus dem gewöhnlichen Rahmen der strengen wissenschaftlichen Vorschriften heraus und eignete sich sogar Kunstgriffe an, sie erprobte nicht nur unerwartete Gesichtspunkte zu den erforschten Objekten, sondern sie erwarb eine neue Lexik, eine andere Terminologie (nicht selten von der Übersetzung aktueller Werke in der Humanitaristik geschöpft), eine Terminologie, die sich von der abgenutzten Ideologiebeschreibung demonstrativ entgrenzte und die – merkwürdigerweise – selbst unbekannte Gebiete der Forschung abzeichnete und vorbestimmte.

Danach änderte sich (auch so schroff) das Objekt der literaturwissenschaftlichen Forschung – die Autorenliste erweiterte sich mit vorher verschwiegenen oder vergessenen Namen: Eine Mehrzahl von Autoren wurden wieder ins literarische Leben (in die Literaturgeschichte) gerufen und das reflektierte gründlich auf das standfeste Bild der bulgarischen Literatur und transformierte es in bedeutendem Maße.

Ein weiterer wesentlicher Schritt war die Neuformulierung und das andere Durchdenken der Klassiker, der Autorfiguren aus dem Kanon: D.h. man sollte ihre etablierten Positionen in der Literaturgeschichte, sowie die klischeehaften Etiketten, mit denen sie bezeichnet wurden, problematisieren und hinterfragen, und überhaupt den ordinären Blick auf einem klassischen Werk relativieren, indem neue unverhoffte Herangehensweisen dazu anwendetet wurden. Als Ergebnis dieser "Deautomatisierung" des Kanons entstand ein vollkommen unterschiedliches Panorama der klassischen bulgarischen Literatur – die Grenzen der bekannten Perioden und Strömungen haben sich auch als relativ und problematisch erwiesen, man brauchte andere Kriterien, Perspektiven, sogar Spekulationen, um die neuerschlossenene Strukturen zu beschreiben und zu klassifizieren.

Inwieweit wäre das aber möglich? Worin besteht die Objektivität bei solchen gewaltigen Transformationen, hängt nicht alles mit der neuen politischen Konjunktur zusammen? Bleibt, trotz aller Bestrebungen, die feste Struktur der Geschichtsschreibung bis zum Jahre 1989 aufzulösen, zu tilgen und zu zerstören, der alte Kanon nicht unanfechtbar und "ewig" mit seinen Feststellungen, Schemen, Konfigurationen? Lebt nicht die Großmasse der Leser mit den veralteten Vorstellungen und Vorurteilen gegenüber den bedeutenden Vertretern der Klassik?

Darüber könnte man ausführlich bei einer Präsentation der Schlüsseltexte der neuen Geschichtsschreibung und der bekannten neuen Monographien über die wichtigsten Schriftsteller und Kunstrichtungen in der bulgarischen Literatur seit 1989, erfahren.

 

 

Vorläufiges Programm

16. 00 Einleitende Worte über die Idee des Projekts -– Bisserka Dakova

16.20 Henrike Schmidt über ihre langjährige Auseinandersetzung mit der Neueren bulgarischen Literatur – deutsche Ausgaben

16. 50 Sirma Danova über ihre Monographie "Кралят физиономист. Автотекстуалност и авторепрезентиране в творчеството на Пенчо Славейков" (2016)

 

17.20 Kaffepause

 

17.50 Bisserka Dakova über ihre Forschungen über den bulgarischen Symbolismus an Beispielen von Pejo Javorov und Teodor Trajanov

18.20 Elka Dimitrova über die Projekte, die den bulgarischen Modernismus betrachten und neuformulieren

18. 50 Antoaneta Alipieva über ihre Monographien von der bulgarischen Lyrik der 70er und der 80er Jahre des 20. Jahrhunderts: "Българската лирика през 70-те години на ХХ век" (2010; 2012) und "Българска лирика: "Забутаното поколение" от 80-те години на ХХ век" (2014; 2016)

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Veranstalter

Dr. Bisserka Dakova


Kontakt

Bisserka Dakova
Universität Wien
institut für Slawistik
0043-1-4277-428-06
bisserka.dakova@univie.ac.at